Erling Kagge: Stille – Ein Wegweiser

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Ein Buch über die Stille.
Das ist mir in dieser auf bayrisch so schön genannten „staaden“ Zeit in die Hände gefallen. Was für ein Zeichen. Da ich im Rechnungswesen/Controlling arbeite, ist diese Zeit für mich leider seit vielen Jahren schon alles andere als still, sondern ganz im Gegenteil, geprägt von der alljährlich wiederkehrenden Jahresabschlusshektik.
Umso berührender für mich gleich der allererste Satz: in diesem dünnen Bändchen „Kann ich der Welt nicht durch Gehen, Klettern oder Segen entkommen, habe ich gelernt, sie auszusperren.“

Der Norweger Erling Kagge, der vieles ist, Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler, Familienvater, Bergsteiger und vor allem Abenteurer, wird von manchen auch philosophischer Abenteurer oder abenteuernder Philosoph genannt. Er hat viele Expeditionen gemacht – zum Süd- und zum Nordpol, auf den Mont Everest – wo es, so stelle ich mir vor, bestimmt häufig sehr still um einen herum ist. Ich traue ihm daher eine gewisse Expertise zum Thema zu.
In seinem Buch geht er in 33 kleinen Kapiteln drei Fragen nach: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?

In dieser für mich hektischen Zeit wirkt eine der Erkenntnisse aus Kagges Reflektionen ganz besonders auf mich: „Ich glaube, alle können die Stille in sich finden. Sie ist immer da, auch wenn es viele Geräusche um uns herum gibt.“
Auch wenn nebenan der Nachbar gerade den Rasenmäher anwirft oder in der Wohnung über mir der Borhammer dröhnt, die Stille kann ich trotzdem hören, denn es ist die Stille in mir selbst.

Und noch etwas fand ich interessant zu lesen. Kagge schreibt, dass Stille ein Luxusgut zu sein scheint, obwohl es sie für umsonst zu haben gibt. Ein Luxusgut deshalb, weil sie den wenigsten Menschen zugänglich ist. Bei der Stille geht es einmal nicht um immer mehr, sondern es geht darum, etwas abzuziehen. „Stille ist das einzige Bedürfnis, das diejenigen, die ständig auf der Jagd nach etwas Neuem sind, niemals erfahren werden“, schreibt Kagge.

Wenn in den vergangenen Jahren der Krach in meinem Kopf mal wieder überlaut wurde und das Dröhnen in meinen Ohren selbst abends nicht mehr verschwand, dann habe ich oft ein Kissen genommen und mich einfach für ein paar Minuten auf den Fußboden gesetzt um still in eine Kerze oder einfach die Wand anzuschauen. Für mich hat sich das immer angefühlt, wie Urlaub von mir selbst oder besser, Urlaub bei mir selbst, zu nehmen.
Ich habe dabei nicht versucht, meine Gedanken auszusperren oder irgendwelchen Meditationsanleitungen zu folgen. Die Gedanken kommen so oder so. Aber es ist ein schönes, ein geradezu stilles Gefühl, wenn man diese Gedankenströme einfach weiterziehen lassen kann in dem Wissen, dass man sich jetzt, in diesem Moment, nicht mit ihnen beschäftigen muß.

„Stille heißt, eine Pause einlegen, um Dinge wiederzuentdecken, die uns Freude bereiten“, schreibt Kagge.

Und manchmal passiert es in so einem Moment, dass die Welt wirklich draußen bleibt und die Zeit für einen Augenblick wie stillzustehen scheint.

Neben vielen anderen schönen Gedanken in diesem Buch noch diesen einen: „Die Schwelle, um Stille und Gleichgewicht zu finden, kann man senken….Die Stille kann überall und jederzeit auftauchen – direkt vor unserer Nase. Ich schaffe sie selbst, wenn ich eine Treppe hinaufgehe, koche oder mich einfach darauf konzentriere, wie ich atme. Ja, wir alle sind Teil eines Kontinents, doch das potentielle Vermögen, eine Insel für uns selbst zu sein, tragen wir ständig mit uns herum.“

Die einzige Voraussetzung dafür scheint mir zu sein, sein Gehör zu schulen, bereit zu sein, auf diese Stille zu hören und neugierig gespannt darauf, was es in dieser Stille zu hören gibt. Denn jeder ist in der Lage seinen eigenen Südpol finden, meint Kagge.

Schön, diese staade Zeit am Jahresende. Ich werde jetzt noch ein bisschen die Stille suchen.

Erschienen im Insel Verlag und bei Amazon als Taschenbuch für 10,- Euro erhältlich, ISBN 978-3-458-36446-7.
Neben den nachdenklichen, stillen, Texten ist das Büchlein auch wunderschön illustriert.