Elizabeth Strout, Die Unvollkommenheit der Liebe

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Es war mir geradezu unheimlich, wie mich diese Buch berührt hat. Es war, als gäbe es ein geheimes Verständnis zwischen diesen Seiten beschriebenen Papiers und mir. Und weshalb, habe ich mich gefragt?, wenn die Geschichte, die erzählt wird, doch scheinbar so gar nichts mit meinem Erfahrungshorizont zu tun hat.

Da geht es um die Geschichte der Schriftstellerin Lucy Barton, die wegen einer unerklärlichen und lebensbedrohlichen Infektion eine längere Zeit im Krankenhaus verbringen muß. Weit weg von ihrem Mann und von ihren beiden heißgeliebten Töchtern verbringt sie dort 9 Wochen allein in einem Zimmer. Ihre Mutter, die sie viele Jahre lang nicht mehr gesehen hat, sitzt eines Tages plötzlich an ihrem Bett. In der einen Woche ihres Besuchs, in der sie so gut wie überhaupt nicht schläft, spricht ihre Mutter über gemeinsame Bekannte aus der Heimat und Mutter und Tochter umtasten im Gespräch ganz vorsichtig ihre Beziehung. Und mit diesen Gesprächen werden bei Lucy die Erinnerungen an ihre schmerzhafte und traumatische Kindheit und Jugend wieder wach.

Und es geht in dieser Geschichte um die Suche nach der Liebe. Man spürt das schwierige Verhältnis, das Lucy zu ihrer Mutter hat, zu ihrer ganzen Familie und zu ihrer Herkunft. Und gleichzeitig spürt man ihre Liebe zu ihrer Mutter und ihren Wunsch, von dieser ebenso geliebt zu werden. Sie sehnt sich danach, dass ihre Mutter Anteil an ihr nehmen und sie verstehen möge. Sie fühlte sich von der Mutter nicht genug geliebt. Und sie konnte ihre Liebe der Mutter nie zeigen. Lucy wird klar, dass man die Liebe nicht nur in Worten zeigt. Ihre Mutter hat sie geliebt, das hat sie mit ihrem Besuch noch einmal bestätigt. Es bedarf nicht vieler Worte. Und ihre Töchter lieben sie genauso, wie sie sie liebt. Die Liebe ist in dem Gesagtem oft verborgen.
Trotz alle Schwierigkeiten im Leben ist es Lucy gelungen offen und durchlässig zu bleiben. In vielen beiläufigen Dingen und Begegnungen und auch in vielen unausgesprochenen Worten gelingt es ihr, Liebe zu entdecken. Sie ist diejenige aus der Familie, die ihr Leben selbst in die Hand genommen hat und bereit ist, dafür voll und ganz die Verantwortung zu übernehmen. Sie kennt den Schmerz und sie stellt sich ihm mit einem unglaublich nachdenklichen und gleichzeitig warmen Blick auf ihre Umgebung, auf ihre Mitmenschen und letztlich auch auf sich selbst.
Die Geschichte von Lucy ist auch eine Mutter-Tochter-Geschichte und die Geschichte der Suche nach einer Liebe, die, so groß sie auch sein mag, immer nur unvollkommen sein kann.
Und sie ist in einer wundervoll natürlichen sehr reduzierten Sprache geschrieben. Da ist kein Wort zu viel aber auch kein einziges zu wenig. In einer Rezension stand: „Ein Buch das man im Stillen, ganz für sich alleine liest, ein Buch im dem jedes Wort schmerzhaft und zugleich tröstlich ist.“ Es hat mir fast körperlich weh getan, diese Geschichte zu lesen und hat doch großen Frieden geschaffen. „So vieles auf der Welt ist Spekulation“ (Seite 20)

Ein Buch voller Lebensklugheit, Großherzigkeit und ohne großes tamtam. Für mich ein absolutes Lieblingsbuch. Bei Amazon als Taschenbuch für 10,- Euro Die Unvollkommenheit der Liebe: Roman

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