Helmut Barz, Brumm – Eine schwarz/weiße Fabel für das postfaktische Zeitalter

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Das ist eine phantasievolle Geschichte, die sehr unterhaltsam und witzig erzählt ist. Der Autor schreibt, dass sie in das Genre „magischer Realismus“ fällt, wobei mir allerdings bis zum Ende nicht ganz klar geworden ist, an welcher Stelle in der Geschichte der „Realismus“ seinen Platz hat?

Klären wir aber zunächst ein Wort:
Der Begriff „postfaktisch“ beschreibt laut Wikipedia und verschiedenen anderen Internetquellen, ein Denken und Handeln, bei dem nicht die Fakten im Mittelpunkt stehen, sondern Emotionen und Gefühle. „Postfaktisch“ meint daher „gefühlsmäßig“ oder „unsachlich“,im Gegensatz zu „faktisch“ = auf Tatsachen beruhend. Bezogen auf diese Geschichte bedeutet das, dass bei aller phantastischen Freiheit, die sich der Autor erlaubt, nur derjenige Gefallen an ihr finden wird, der beim Lesen seinen eigenen Emotionen und Gefühlen einen „tatsächlichen“ Platz einräumt.

Um was geht’s:

Dr. Urs Ailuro Podini, erfolgreich als Kreativdirektor in einer Werbeagentur tätig, als Mann aber eher zur nachgiebigen und weicheren Sorte neigend („…sein Sprachfehler: Urs kann nicht „Nein“ sagen…“), hat sich in ein Pandakostüm verliebt, ausgestellt in einer Frankfurter Boutique mit Namen „Transitions“.
Dieses Kostüm einmal angezogen, fühlt er sich darin unglaublich wohl, fast, als wäre ein Panda zu sein, seine zweite Natur. So fällt es ihm im Verlauf der Geschichte immer schwerer, das Kostüm auch mal wieder auszuziehen und er beginnt, es auch im Alltag zu tragen. Das führt, wie man sich unschwer denken kann, zu diversen komischen, tragischen und auch tragikomischen Verwicklungen.

Oder die Inhaltsangabe geht so:

„Brumm“ – ist das Klang der Stimme meiner zweiten Natur? Könnte das der Ton des Wesens sein, das auch noch in mir steckt, bislang verborgen schlummernd, weil ich meine vielen Lebensträume aufgegeben und mich stattdessen bequem und sicher eingerichtet habe in meinem Leben, mit einem guten Gehalt, einer schönen Eigentumswohnung, einer intelligenten, wenn auch, na ja , etwas nervigen, Lebensgefährtin?
Viele alte Kulturen sprechen von einem Krafttier, das jedem Menschen inne wohnt und das man finden müsse, um mit sich ins Reine zu kommen und um wirklich glücklich zu werden. Unsere zweite oder vielleicht auch unsere eigentliche Wesenheit.

In dieser Geschichte scheint Dr. Urs Podini sein Krafttier in Gestalt eines Pandas gefunden zu haben. Einem verspielten, verschlafenen, leckermäuligen, territorial-aggressiven, dickschädeligen und vor allem total flauschigen Bärchen.
Die Geschichte lebt von einer überbordenden Phantasie und daneben einem Zug zum Nachdenklichen. Auch im Zen heißt es: „Werde der, der Du bist“ und jeder von uns stellt sich im Leben vermutlich mal die Frage, ob es eigentlich noch was anderes gibt als immer nur „aufwärts, aufwärts, aufwärts“ oder was eigentlich aus allen unseren Träumen am Ende geworden ist.
Daneben quillt sie auch noch über vor Anspielungen, Wortspielen und Wortwitzen, Gesellschafts- und Mediensatire.

So ist sie überaus amüsant zu lesen und es macht Spaß, zusammen mit Urs in die Welt der Pandas einzutauchen und zuzusehen, wie er dabei trotzdem seinen gewohnten Alltag und seine menschliche Natur weiterlebt.

Nach dem zweiten Teil wäre die Geschichte meines Erachtens aber bereits rund gewesen. Noch ein witzig-kluges Resümee und das Thema des Plots hätte lauten können: den Einklang mit sich selbst finden und wider alle Widrigkeiten dazu stehen.
Bei Teil 3 und 4 ist es mir deutlich schwerer gefallen, an der Lektüre dran zu bleiben. Arg abstrus schreitet die Entwicklung voran, manches erschien mir sehr konstruiert und das Ende war dann auch bald vorhersehbar. Es finden sich allzu viele Hinweise eingestreut in die Erzählung.
Sprachlich und textlich hätte ich stellenweise auch gerne etwas mehr Abwechslung gehabt. So sind scheinbar alle Männerhände „rauh, groß und fest“, fast alle Frauen sind mit einer „dunklen, wallenden Lockenpracht“ gesegnet und es wimmelt nur so von Doppelnamen oder Bindestrich-Ungetümen.

Aber trotz allem ein sehr witziges und unterhaltsames Buch und der Plot eine tolle Idee. Ganz bestimmt kommt mal jemand auf den Gedanken, daraus einen Film zu machen. Den werde ich mir dann sehr gerne anschauen.

Bei Amazon erhältlich als Taschenbuch für 15,99 EUR, ISBN 9783966982849.